Geschichte des Dorfes Gervin


Pastor Ernst Backe

Pastor Ernst Backe

(Quelle: Chronik des Dorfes Gervin von Heinz Raasch)


Pastor Ernst Backe, der letzte evangelische Pastor von Gervin, schrieb in seinem "Evangelischen Gemeindeblatt des Kirchspiels Gervin", Ausgabe März 1920 (Quelle: Heimatverein Kolberg-Körlin):


"Nur wenige Aktenstücke gibt es, die Kunde geben von alten Tagen. Im Jahre 1864 ist von Pastor Klug, einem meiner Vorgänger im Amte, die Chronik der Kirche und Pfarre zu Gervin erst begonnen worden, die jetzt regelmäßig fortgeführt wird. Mit vielem Fleiß und großer Sorgfalt hat Pastor Klug aus den Akten zusammengestellt, was für die Geschichte unserer Kirche und Dörfer von Wert sein konnte.

Die erste Nachricht stammt aus dem Jahre 1594, ist also 325 Jahre alt. Damals gab es schon die evangelische Kirche in Gervin zu der die Dörfer Schwette und Baldickow eingepfarrt waren. Das Patronat hatte die gesamte Familie von Manteuffel in Kölpin, Sternin und Schmuckenthin. Schon aus dieser ältesten Urkunde geht hervor, dass es "mit Kirche und Pfarre und Zubehör je und je fast gering und unansehnlich gestanden hat". Dieser Zustand hat unverändert bestanden bis zum Jahre 1898, als das jetzige Pfarrhaus fertig wurde.

Nicht einmal über den Bau unserer Kirche ist eine Nachricht uns erhalten, außer der Inschrift an dem Querbalken des Ostgiebels, die lautet: "Joachim Hecket - hat mich gebauet - Hans Meider anno 1644".

1693 wurde die kleine Glocke umgegossen und im Turm aufgehängt. Wir dürfen wohl annehmen, dass im 30 jährigen Kriege die frühere Kirche vernichtet worden ist. Münzen aus jener Zeit, die gefunden worden sind im Brandschutt bei dem Neubau des Hauses, das jetzt Pommerening bewohnt, bestätigen ja, dass damals auch hier der Krieg gehaust hat.

Erst seit 1700 werden die Nachrichten etwas ausführlicher. Der Pastor dieser Zeit, Hesser, hat das erste Kirchenbuch angelegt, freilich in recht dürftiger Form. Interessant ist ein Register aller Familien, die der Pastor in den drei Dörfern vorfand." (Anm.: Was würden wir heute darum geben....)

Danach lebten vor 200 Jahren in Gervin 15 Familien und 89 Personen, darunter 2 Familien Spaude, 2 Dettmer, 2 Schumacher, 1 Harrmann, 2 Behling. In Schwedt lebten 11 Familien mit 69 Personen, 1 Timm, 2 Gruchow, 4 Radtke, 1 Teig, 1 Grunwaldt. In Baldekow waren 10 Familien mit 61 Personen, darunter 3 Hencke, 1 Bublitz. Danach bestand die Gemeinde damals aus 219 Seelen, jetzt 1180. Aber mancher von denen, die heute noch hier wohnen, könnte vielleicht nachweisen, dass vor 200 Jahren seine direkten Vorfahren auf demselben Hofe gesessen haben und im Schatten der Linden unseres alten Friedhofes schlummern.

Dieser selbe Pastor hat schon sich bemüht, alte Überlieferungen, die er vorgefunden hat, der Nachwelt zu erhalten. Er schreibt zur Begründung dessen, dass ein Stück Kirchenland neu zur Kirche gekommen ist u.a.: Es wäre vor vielen Jahren einmal an einem Sonnabend des Juni ein sehr furchtbarer Hagel gefallen, der das ganze Land verwüstet habe. Dazu sei noch die sonderbare Erscheinung gekommen, dass die Leute, als sie an diesem Sonnabend vor dem Feierabend-Geläute durch den Pfuhl am Steeger-Ende nach Hause gekommen seien denselben blutrot gesehen haben. Daraus habe der Pastor Veranlassung genommen, am folgenden Sonntage zur Buße zu mahnen. Man wäre nun zu Rate gegangen, wie man Gott durch Geschenke an die Kirche versöhnen wolle und habe in Ermangelung des Geldes, das in Gervin allemal rar gewesen, ein Stück Land von der Freiheit des Dorfes der Kirche geschenkt. Zu gleicher Zeit wäre auch durch ein Gelübde festgesetzt worden, an welches auch die Nachkommen auf ewigen Zeiten sollen gebunden sein, dass in der Brachzeit niemand bei großer Strafe auf der Gervinschen Feldmark pflügen dürfe. - Lange Zeit soll dies streng durchgeführt worden sein."



So schreibt Pastor Backe. Das erste Kirchenbuch für Gervin gab es also seit 1700. Die Kirchenchronik wurde ab 1864 von Pastor Klug begonnen. Leider haben wir heute weder das eine noch das andere. Aber ziehen wir heute verschiedene Quellen zusammen, erhalten wir durchaus ein Bild vom Leben in Gervin und Umgebung vor vielen, vergangen Tagen....


Die folgenden Informationen stammen aus dem Buch "Der Kolberg-Körliner Kreis - Die Geschichte seiner Städte und Ortschaften" von Johannes Courtois:


"Kirchdorf mit ca. 600 Einwohnern in der Nähe von Drosedow. Neben dem Dorfe bestanden früher zwei Rittergüter. Bereits im Jahre 1778 haben diese beiden die bis dahin bestandene Gemeinschaft ihrer Äcker, Wiesen, Hütungen und Holzungen, sowohl zwischen sich als auch zwischen den Bauern beider Güter, davon es 8 Ganzbauern und 1 Halbbauern gab, durch einen Tausch aufgehoben und sich völlig auseinandergesetzt, während die Separation infolge der Regelung der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse im Jahre 1825 erfolgt ist. Der Vasallen-Tabelle von 1525 zufolge war damals in Gervin Peter Schley angesessen, wie Nygh und Nyk, ein Zuname der Familie Kameke. Noch in demselben Jahrhundert scheint Gervin Manteuffel`sches Lehen geworden zu sein. Nach der Hufen-Matrikel von 1628 saß daselbst Wilke Manteuffel und der Ort bestand aus 15 Hufen, 1 Kossät, 2 Schäfern, die 1/4 Schafe in Gemenge und 2 Schäferknechte hatten. In der Folge spaltete sich Gervin in 2 Rittergüter. Gervin A wurde von Landrat Ewald v. Manteuffel nach dem Vertrage vom 26. Oktober 1737 wiederverkäuflich auf 30 Jahre an Erdmann Casimir v. Schmeling verkauft. 1804 waren die noch unbekannten Lehnsfolger des am 8. September 1804 verstorbenen Majors Ewald v. Manteuffel Besitzer von Gervin A.

Gervin B wurde an Bogislaw v. Nehmer und von diesem an den Referendar v. Braunschweig und 1725 von diesem an den Landrat Caspar v. Lettow verkauft. Dessen Sohn Georg Caspar v. Lettow bekam das Gut 1739. Seine Erben überließen es 1742 seinem ältesten Bruder, dem Fähnrich Erdmann v. Lettow für den Preis von 8.000 Talern. Dieser kaufte einen zu diesem Alt-Manteuffel`schen Lehen gehörigen Bauernhof mit einer Holzkavel in Popiel 1744 von Dorothea v. Wachholz und hinterließ das also vergrößerte Gervin B seinen Erben, die sich 1764 dahin auseinandersetzten, dass sein Bruder Franz Joachim v. Lettow dieses Gut bekam. 1804 wird Bogislaw Franz Ewald v. Steinkeller als Besitzer von Gervin B aufgeführt. Am 5. August 1863 wurde Gervin A, 1129 Morgen Areal, von Heinrich Bohm für 69.000 Taler an den Ökonom Albert Steffen verkauft. Im Jahre 1889 verkaufte der damalige Besitzer Schliewe das Rittergut in Größe von 295 ha für 239.000 Mark an den Konsul Lehment in Kolberg. Es wurde dann in den Jahren 1890/91 parzelliert. Die Hauptparzelle Gervin A kaufte Gutsbesitzer Karl Behling, während die von Gervin B an Albert Leß überging...."



Heinz Raasch schreibt in seiner "Chronik des Dorfes Gervin":


Die Kreisstraße nach Kolberg führte mitten durch`s Dorf Gervin. Sie wurde 1880 fertig. Im Süden grenzte Gervin an den Ückerbach. Es ist als Langdorf anzusehen. … Vor der Parzellierung 1890 / 1891 der beiden Güter A u. B kann man das Dorf auch als Runddorf ansehen. Denn die 8 Bauern wohnten beidseitig der Kirche. Es sind die Bauern: 1. Schwerdtfeger, 2. Raasch, 3. Salzsieder, 4. Pfarrhof, 5. Spaude, 6. Prey, 7. Harrmann (Köhler-Raasch), 8. Genz, später Sohrweide, als Halbbauer wäre dann wohl Laabs zu nennen. …

… Für Gervin sei der große Brand 28. August 1892 zu erwähnen. Der Entstehungsherd war die Gastwirtschaft. Wodurch es entstand, ist nicht berichtet, nur das es morgens um 8.00 Uhr entstand und um 11.00 Uhr schon fast gelöscht war. Als plötzlich der Kohlensäureapparat im Keller der Gastwirtschaft explodierte und glühende Teile umherflogen. Dadurch brannten die Bauernhäuser, die alle mit Stroh bedeckt waren, ab. Es waren die Gastwirtschaft und die Bauern Wolfgramm-Prey-Schumann bzw. Brötzmann und Wilhelm Raasch. Im Frühjahr und Herbst 1893 waren wieder Brände. Am 22.12.1938 brannte die Scheune mit anschließendem Stallgebäude mit allem Herdbuch-Vieh bei Emil Molzahn ab.

Durch Unachtsamkeit der Soldaten der polnischen Kommandantur wurde mit Gewehrmunition in die mit Stroh gefüllte Scheune geschossen. Hier durch entstand das Feuer und die Scheune brannte vollständig ab. Auch die Pfarrscheune von Otto Schlee. Es war das Jahr 1945. …

1895 wurde die Kleinbahn fertig. Unsere Bahnstation war Drosedow. 1900 die Chaussee nach Drosedow. 1911 die Chaussee nach Jarchow. Die Straße bis Schwedt war bis 1945 noch nicht ausgebaut. Somit wurde Gervin zum Knotenpunkt und die Veranstaltungen waren in der Gastwirtschaft. Gegen den Widerstand des Nachbarn Fick vom Gut B konnte das alte Stroh gedeckte Pfarrhaus abgerissen und in den Jahren 1896 bis 1898 wieder neu aufgebaut werden…

Für die Gerviner Frauen gründete in den 20er Jahren Frau Johanna Backe, die Frau unseres Pastors Ernst Backe, eine „Frauenhilfe“ und den „Jungmädchenbund“. Beide waren als erste in unserem Kreis gegründet. Ebenso war in den 20er Jahren die Gründung eines Posaunenchors erfolgt. Initiator dieses Posaunenchors war Bauer Otto Raasch und die erste Unterweisung erfolgte durch Herrn Tech, Sellnow….

Gervin war eines der ersten Dörfer, die im Jahre 1913 elektrischen Strom bekamen. Für den Transformator und die Stromablesung war Bauer Hermann Köhler verantwortlich. Der Transformator stand mitten im Dorf. Die Ausbauten bekamen später Strom und diesen Transformator betreute Karl Harrmann. Auf dessen Acker der Transformator auch stand. Im Ort war auch eine Spar- und Darlehenskasse. Durch diese Kasse wurde die meisten Bauern mit Kunstdünger und Brikett versorgt. Es musste alles mit dem Fuhrwerk vom Bahnhof Drosedow abgeholt werden. Rendant war Bauer Otto Raasch. Er übernahm die Kasse von unserem Gastwirt Otto Brötzmann

Der Sonntag Nachmittag war den Bauern ein Doppelkopf-Tag. Von Mittag bis zum Viehfüttern oft auch später wurde gespielt. Die Jüngeren Skat bei Gastwirt Otto Brötzmann und die Jugendlichen bei Kaufmann Willi Brötzmann Schafskopf.

Dann waren im Ort noch: 1 Amtsvorsteher, 1 Bürgermeister, 1 Standesbeamter, 2 Schmiede, 1 Stellmacher, 2 Bäcker, 3 Kaufleute, 2 Sattler, 1 Straßenwärter, 1 Müller, …, 1 Schiedsmann, 1 Kindergärtnerin, 1 Krankenschwester. …

Die Krankenversorgung war durch den Arzt Dr. Reifferscheid in Roman gewährleistet, ansonsten war eine Krankenschwester im Dorf vorhanden. Das Kreiskrankenhaus war in Groß Jestin, aber gewöhnlich wurde das städtische Krankenhaus in Kolberg bevorzugt.

Bis zur Vertreibung für die Kirchengemeinde war Ernst Leß Standesbeamter. …“




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